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Die erste Woche mit dem Au Pair: Ein Leitfaden zum Überleben

Julia hatte alles richtig gemacht — dachte sie zumindest. Monatelang hatte sie Profile verglichen, Videocalls geführt, mit ihrer Agentur telefoniert. Schließlich hatte sie Ana aus Brasilien gefunden: warmherzig, erfahren mit Kindern, und ihre fünfjährige Tochter Lina hatte schon beim ersten Videocall gelacht. Das Zimmer war frisch gestrichen, der Kühlschrank voll, das WLAN-Passwort auf einem Kärtchen neben dem Bett. Perfekt vorbereitet.

Dann kam Ana an. Erschöpft nach 14 Stunden Reise, mit Jetlag und dem leisen Schock, dass draußen Februar war und nicht Sommer. Julia hatte für den Nachmittag eine Hausführung geplant, danach Abendessen mit den Kindern, am nächsten Morgen gleich die Kita-Übergabe. Am zweiten Tag sollte Ana schon beim Abholen dabei sein, am dritten alleine. „Damit wir schnell in den Rhythmus kommen", hatte Julia sich gedacht.

Am vierten Tag saß Ana weinend in ihrem Zimmer. Nicht weil sie unglücklich war. Sondern weil sie überfordert war — zu viel Information, zu wenig Ankommen, kein einziger Moment, um zu begreifen, dass sie jetzt in einem fremden Land lebt.

Julias Fehler war kein böser Wille. Es war ein Planungsfehler, den fast jede Gastfamilie macht: die erste Woche als Einarbeitung zu behandeln statt als Ankommen. Dieser Leitfaden zeigt dir, wie du es besser machst — Tag für Tag, von der Vorbereitung bis zum Moment, in dem dein Au Pair zum ersten Mal alleine mit deinen Kindern ist.

Bevor dein Au Pair ankommt

Die Vorbereitung beginnt nicht am Anreisetag. Sie beginnt Wochen vorher — und sie entscheidet darüber, ob dein Au Pair sich vom ersten Moment an willkommen fühlt oder wie ein Gast auf Probe.

Das Zimmer: mehr als vier Wände

Das Zimmer deines Au Pairs ist für das nächste Jahr sein Rückzugsort. Es ist der einzige Raum in deinem Haus, der wirklich ihm gehört. Behandle es entsprechend.

  • Frische Bettwäsche und Handtücher — nicht die Reste aus dem Schrank, sondern frisch gewaschen und einladend
  • Grundausstattung Hygieneartikel — Shampoo, Seife, Zahnpasta für die ersten Tage, bis dein Au Pair selbst einkaufen kann
  • WLAN-Passwort — ausgedruckt auf dem Schreibtisch, nicht erst auf Nachfrage
  • Eine persönliche Willkommensnachricht — handgeschrieben, auch wenn es nur drei Sätze sind. „Wir freuen uns, dass du da bist" reicht
  • Ein kleines Willkommensgeschenk — lokale Süßigkeiten, ein Stadtführer, eine Prepaid-SIM-Karte mit Datenvolumen

Klingt nach Kleinigkeiten? Ist es auch. Aber diese Kleinigkeiten sind der Unterschied zwischen „Hier ist dein Zimmer" und „Hier ist dein Zuhause".

Die Hausführung: strukturiert, nicht überwältigend

Mach eine Hausführung — aber keine Vorlesung. Konzentriere dich auf das, was dein Au Pair am ersten Tag wirklich wissen muss:

  • Wie die Heizung funktioniert (ja, das ist im Februar relevant)
  • Wo Handtücher und Bettwäsche zum Wechseln liegen
  • Wie die Waschmaschine funktioniert (in jedem Land anders, in jedem Haushalt sowieso)
  • Was in der Küche geteilt wird und was nicht
  • Mülltrennung — in Deutschland kein Nice-to-have, sondern Pflichtprogramm
  • Haustürschlüssel und Alarmcode, falls vorhanden
  • Notfallnummern am Kühlschrank

Alles andere — die Details zu den Kindern, die Arbeitszeiten, die Hausregeln — kann warten. Nicht alles muss am ersten Tag passieren.

Tag 1: Ankommen lassen

Plane keine Kinderbetreuung am ersten Tag. Dein Au Pair ist gerade Tausende Kilometer gereist, hat womöglich noch nie allein im Ausland gelebt und steckt mitten im Jetlag. Der erste Tag gehört dem Ankommen, nicht der Arbeit.

Was am ersten Tag passieren sollte:

  1. Auspacken und einrichten — gib deinem Au Pair Zeit, sein Zimmer in Besitz zu nehmen
  2. Duschen und ausruhen — ja, auch nachmittags
  3. Ein entspanntes gemeinsames Abendessen — kein Verhör, kein Programm, einfach zusammen essen
  4. Ein kurzer Spaziergang durch die Nachbarschaft — Bäckerei, Bushaltestelle, Spielplatz, Supermarkt. Mehr muss nicht sein

Am ersten Tag geht es darum, dass dein Au Pair spürt: Ich bin hier als Teil der Familie, nicht als Angestellte, die gleich loslegen muss.

Wenn du Kinder im Schulalter hast, lass sie den Spaziergang übernehmen. Kinder sind hervorragende Gastgeber, wenn man sie lässt — und es baut sofort eine Verbindung auf, die kein Erwachsenengespräch ersetzen kann.

Tag 2 und 3: Die Übergabe

Jetzt wird es inhaltlich — aber in einem Tempo, das dein Au Pair verarbeiten kann.

Kinder vorstellen: mehr als Namen und Alter

Die wichtigsten Informationen zu deinen Kindern gehören nicht in ein mündliches Briefing, das nach zehn Minuten vergessen ist. Sie gehören aufgeschrieben. Für jedes Kind sollte dein Au Pair wissen:

  • Allergien und Medikamente — das ist nicht verhandelbar. Dokumentiere alles schriftlich, mit Dosierungsanweisungen und Notfallkontakt des Kinderarztes
  • Tagesablauf — Aufstehzeiten, Mittagsschlaf, Schlafenszeit-Rituale
  • Schule oder Kita — Bringe- und Abholzeiten, wer das Kind abholen darf, was passiert bei Krankheit
  • Die Eigenheiten — „Emma isst nicht, wenn die Lebensmittel sich auf dem Teller berühren" oder „Luca braucht seine blaue Decke zum Einschlafen"

In unserem Leitfaden zu Kinderprofilen für Au Pairs findest du eine detaillierte Vorlage, mit der du nichts vergisst. Das Wichtigste: Schreib es auf. Mündliche Informationen gehen im Stress der ersten Tage verloren.

Shadowing: zuschauen, bevor es losgeht

Bevor dein Au Pair irgendetwas alleine macht, sollte es deinen Alltag mindestens ein bis zwei Tage lang begleiten. Das bedeutet:

  • Morgens: Vom Wecken über das Frühstück bis zum Bringen in die Kita oder Schule
  • Mittags: Kochen, Essen, Aufräumen
  • Nachmittags: Spielplatz, Aktivitäten, Hausaufgaben
  • Abends: Abendessen, Schlafenszeit-Routine

Wichtig: Zeig deinem Au Pair die Version, die du dir auch von ihm wünschst. Nicht die „fauler Samstag"-Variante, bei der die Kinder zwei Stunden vor dem Tablet sitzen. Wenn du möchtest, dass dein Au Pair um 7:30 Uhr das Frühstück vorbereitet, dann mach es in den Shadowing-Tagen genauso vor.

Tag 4 und 5: Betreutes Alleine

Jetzt übernimmt dein Au Pair — aber du bist noch im Haus. Vielleicht arbeitest du im Homeoffice, vielleicht erledigst du Dinge in der Küche. Du bist erreichbar, aber du greifst nicht ein.

Das ist die Phase, in der viele Gastfamilien den Fehler machen, zu hovern. Jede Entscheidung zu kommentieren, jede Mahlzeit zu kontrollieren, jedes Mal reinzukommen, wenn das Kind kurz weint. Widerstehe dem Impuls.

Dein Au Pair muss seinen eigenen Rhythmus finden. Es wird Dinge anders machen als du. Das ist nicht falsch — es ist anders. Solange die Kinder sicher sind und die Grundregeln eingehalten werden, gib deinem Au Pair Raum.

Hier zahlt es sich aus, wenn wichtige Informationen digital zugänglich sind. Statt ständig nachfragen zu müssen, kann dein Au Pair Zeitpläne, Kinderprofile und Anweisungen selbst nachlesen — zum Beispiel über AuPairSync, wo du Aufgaben mit Fotos und Schritt-für-Schritt-Anleitungen hinterlegen kannst. Das nimmt beiden Seiten den Druck: Dein Au Pair fühlt sich nicht unselbstständig, und du musst nicht alles drei Mal erklären.

Das Gespräch über Regeln und Erwartungen

Führe dieses Gespräch am zweiten oder dritten Tag — nicht am ersten (zu früh, zu viel) und nicht erst in der zweiten Woche (zu spät, Gewohnheiten sind dann schon entstanden).

Was du ansprechen solltest:

  • Arbeitszeiten — konkreter Beginn, konkretes Ende, welche Tage frei sind. Keine Formulierungen wie „ungefähr 30 Stunden", sondern ein klarer Wochenplan. Wie du einen solchen Plan strukturierst, zeigt dir unser Leitfaden zum Au Pair Tagesplan
  • Ruhezeiten — ab wann ist Nachtruhe? Wann darf Besuch kommen? Wie laut darf Musik sein?
  • Auto — falls dein Au Pair das Auto benutzen darf: welche Regeln gelten? Wer zahlt Benzin? Wie sieht es mit der Versicherung aus?
  • Handynutzung während der Betreuung — klare Erwartung, nicht „mach einfach"
  • Essen und Küche — was wird geteilt, gibt es Ernährungsregeln im Haushalt?
  • Übernachtungsgäste — erlaubt oder nicht? Unter welchen Bedingungen?

Und dann: schreib es auf. Mündliche Absprachen werden vergessen, missverstanden oder unterschiedlich erinnert. Ein geteiltes Dokument — oder besser noch, ein gemeinsames System — hält beide Seiten auf dem gleichen Stand.

Wir haben einen eigenen Beitrag zu Hausregeln für Au Pairs, der dir eine fertige Vorlage für dieses Gespräch gibt. Nimm dir die Zeit, ihn vorher zu lesen.

Die typischen Fehler der ersten Woche

Fehler 1: Alles auf einmal

Du kennst das aus deinem eigenen ersten Arbeitstag: Nach drei Stunden Einführung hast du die Hälfte schon vergessen. Deinem Au Pair geht es genauso — nur in einer fremden Sprache, in einem fremden Land.

Verteile Informationen über die Woche. Was am ersten Tag nicht lebenswichtig ist, kann am dritten Tag kommen. Was aufgeschrieben ist, muss nicht sofort erklärt werden.

Fehler 2: Keine Freizeit

Dein Au Pair braucht Pausen. Nicht nur von der Arbeit, sondern auch von deiner Familie. Das klingt hart, ist aber wichtig: Jemand, der 24 Stunden am Tag mit einer fremden Familie zusammen ist, braucht Momente allein. Verplane nicht jeden Abend mit Familienprogramm. Lass dein Au Pair auch mal allein losziehen, die Stadt erkunden, andere Au Pairs treffen.

Fehler 3: Vage Erwartungen

„Mach einfach, was du für richtig hältst" ist die schlechteste Anweisung, die du geben kannst. Dein Au Pair kennt weder deine Standards noch deine unausgesprochenen Regeln. Sei konkret: „Bitte räum nach dem Abendessen die Küche auf" ist besser als „Halte die Küche sauber". „Die Kinder dürfen 30 Minuten Tablet am Tag" ist besser als „Nicht zu viel Bildschirmzeit".

Fehler 4: Vergessen, wie jung dein Au Pair ist

Die meisten Au Pairs sind zwischen 18 und 26. Manche leben zum ersten Mal fernab von zu Hause. Sie werden Heimweh haben, sich unsicher fühlen, Fehler machen. Geduld und Empathie sind keine Schwäche — sie sind die Grundlage dafür, dass dein Au Pair Vertrauen aufbaut und sich traut, Fragen zu stellen, statt Fehler zu wiederholen.

Die erste Woche: Deine Checkliste

Damit du nichts vergisst, hier die wichtigsten Punkte noch einmal als Übersicht:

Vor der Anreise:

  • Zimmer vorbereiten (Bettwäsche, Handtücher, Hygieneartikel)
  • WLAN-Passwort und Schlüssel bereitliegen
  • Willkommensgeschenk und persönliche Nachricht
  • SIM-Karte mit deutschem Datenvolumen besorgen
  • Kinderprofile schriftlich erstellen (Allergien, Routinen, Eigenheiten)
  • Notfallnummern am Kühlschrank aufhängen

Tag 1:

  • Keine Kinderbetreuung einplanen
  • Ankommen lassen, auspacken, ausruhen
  • Gemeinsames Abendessen
  • Kurzer Spaziergang durch die Nachbarschaft

Tag 2–3:

  • Hausführung (kompakt, nicht überwältigend)
  • Kinder und deren Routinen vorstellen
  • Shadowing des kompletten Tagesablaufs
  • Gespräch über Regeln und Erwartungen
  • Alles Wichtige schriftlich festhalten

Tag 4–5:

  • Au Pair übernimmt Betreuung mit dir im Haus
  • Erreichbar sein, aber nicht eingreifen
  • Abends kurzes Feedback-Gespräch: Was lief gut? Wo gibt es Fragen?

Ende der Woche:

  • Gemeinsame Auswertung: Stimmt der Zeitplan? Braucht das Au Pair noch etwas?
  • Erste Anpassungen vornehmen, falls nötig
  • Plan für Woche 2 besprechen

Die erste Woche bestimmt das ganze Jahr

Die Zahlen, die Verträge, die Kosten — all das ist wichtig. Aber kein Vertrag der Welt kann ersetzen, was in den ersten sieben Tagen passiert. In dieser Woche entscheidet sich, ob dein Au Pair das Gefühl hat, in eine Familie aufgenommen worden zu sein — oder ob es einen Job angefangen hat, bei dem es zufällig auch wohnt.

Die Familien, bei denen das Au-Pair-Jahr gelingt, haben eines gemeinsam: Sie nehmen sich in der ersten Woche Zeit. Zeit zum Erklären, Zeit zum Zuhören, Zeit zum Atmen. Sie behandeln ihr Au Pair wie einen jungen Menschen, der gerade sein bisheriges Leben hinter sich gelassen hat — denn genau das ist passiert.

Dein Au Pair hat dein Land gewählt. Deine Familie gewählt. Gib ihm eine erste Woche, die zeigt, dass das die richtige Entscheidung war.


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